Der schönste Tag im Leben · Der Traum jeder Frau · Ehe · Fernsehen für Hängengebliebene · Kinder · Klassische Beziehungsmodelle · Partnerschaft · Spontanität vs. Planungsgeilheit · Versuchung und Widerstand

Der schönste Tag im Leben

Gewöhnlich sehe ich kein fern, aber meine Kinder. So schnappte ich neulich folgenden Satz auf: „Der schönste Tag im Leben einer Frau, ist ihre Hochzeit.“ Schon oft habe ich diese Aussage irgendwo vernommen, aber sie drang nie so real in mein Bewusstsein ein, wie dieses Mal.

So beschloss ich, dies näher zu beleuchten.
Zunächst habe ich mich gefragt, wer im Jahr 2017, indem eine Frau unser Land regiert, weibliche Geschlechter in Spitzen Positionen sind; (wenn sie auch nach wie vor schlechter bezahlt werden als Männer in selbigen Positionen) es ein Wahlrecht für uns gibt und Frauen imstande sind, wirtschaftlich- autonom vom Mann zu leben, noch immer die Idee verfolgt, dass der schönste Tag im Leben der Frau, die Heirat ist?

Diese Aussage mußte von einem Mann stammen. Und ja, es sagte in facto ein Mann, ein Moderator einer beschämenden Hochzeitsshow.

hochzeit

Was ist dann der Tag für eine Frau, an dem eine Ehe geschieden wird, schoss mir der nächste, beinahe ironische Gedanke durch den Kopf? Der Tag des persönlichen Unterganges?
Wenn er wenigstens gesagt hätte, für manch eine Frau…Pauschaler als jede Pauschalreise…Oberflächlicher als jede Oberfläche. Anspruchslos das Dasein der Frau, einseitiger als ein Titelblatt. Glücklich sein – nur in Verbindung mit einem Partner und ja! einer Ehe. Ohne Ehe kein Wert. Ohne Heirat kein glücklichster Tag im Leben einer Frau.

Was meint so ein Mann, der sowas sagt? Was hat er für eine Vorstellung vom Frau sein und wie stellt er sich die Absichten einer Frau und ihre Denkweise vor? Alle über einen Kamm. Objektivierung. Denkt er die Kindheit eines Mädchens besteht aus keinen anderen Gedanken als einer Traumhochzeit?

Zu meiner Verblüffung bedient er sich des Klischees, welches natürlich wie alle anderen Klischees, nicht ohne triftigen Grund entstand. Demnach möchte jede weiblich Geborene automatisch eine Prinzessin sein, und träumt von Nichts anderem, als von einem Prinzen gerettet( wovor auch immer) und an die Hand genommen zu werden(weil sie alleine nicht lebensfähig ist) . Besser ausgedrückt: Als dass um ihre Hand angehalten wird. Weißes Kleid, viele Rosen, viel Aufwand, Planung und Kitsch. Und möglichst viele leere Versprechungen, nur um endlich glücklich zu sein.
Und was folgt danach? Nur noch unschöne Tage?

Gibt es keine anderen Ziele, die uns schöne Tage bereiten, gar unvergessliche, wenn wir diese erreicht haben? So frage ich mich weiter; etwa sowas wie „Welcher Tag genau ist eigentlich der Schönste im Leben einer Frau?“

Also ich habe mich über viele leidlich errungene Freiheiten gefreut. Einer der schönsten Tage war als ich die Schule verließ, der erste Tag an der Uni war ebenfalls einer von sehr viel schönen Tagen. Das erste Mal; die Tage, an denen meine Kinder zur Welt kamen, waren überaus besonders, weil es ein unglaubliches Erlebnis war, an dem eine Frau merkt, sofern sie spontan entbindet, wie viel Kraft und Stärke in ihr steckt. Dass sie so mächtig ist, neun Monate ein Leben in sich wachsen zu lassen, es nähren und pflegen zu können und es dazu eigenständig mit nur vier weiteren helfenden Händen ohne Hilfsmittel  aus ihrem Körper pressen zu können. Das ist nun wirklich ein Ereignis, welches dem Titel „Der schönste Tag in meinem Leben“ würdig ist.

Natürlich kann man meinen, die Nora pflegt diese Denkweise, weil sie eine ungünstige Eheverbindung pflegte und sich irgendwann zur Scheidung entschloss. Die Nora ist frustriert weil ihre Ehe scheiterte. Nein. Die Nora ist sehr zufrieden, dass es ist wie es ist. Und wenn sie heute in dieser Ehe glücklich leben würde, wäre es dennoch nicht der Schönste Tag ihres Lebens gewesen.

Vielleicht gelten solche Aussagen eben nur denen, die von Kindheit an von nichts anderem träumen als von einer pompösen Märchen Hochzeit, getragen über eine Schwelle hinein ins eheliche Glück.
Die Vorstellung aufgefangen zu werden, ein Stück der Verantwortung fürs eigene Leben in die Hände des Partners legen zu können, um die Sorgen des Alltags verbindlich und verpflichtend mit jemandem zu teilen. Bis der Tod sie scheidet. Oder eine Sekretärin. Vielleicht auch der Poolboy oder Gärtner.

Jene, die ihre Hochzeit über Jahre gedanklich planen um sie dann nach klassischem Vorgehen nach Erhalt des Heiratsantrags, der natürlich ebenfalls ausgesprochen romantisch und überdimensional ausgefallen sein sollte, binnen eines Jahres aktiv planen zu können. Den Schönsten Tag im Leben (einer Frau).
Diese Märchenprinzessinnen schaffen es eben auch, den unromantischsten Mann subtil dazuzubringen, den kitschigsten Antrag zu machen. Der neue Romantiker, der zuvor noch Rockstar war verpflichtet sich – zunächst unwissend- mit eben dieser Art Antrag zu soviel Kitsch…, dass er sich während er der Qual der Wahl Blumen & Tischdeko erlegen ist, den fraulichen Weddingplanner scheinbar Stunde um Stunde quasseln hört, über Hochzeitstorten Diskussionen und  Menüauswahl, zu soviel Rosarot und Spitze, dass er sich kurz vor der Hochzeit wünscht, lieber nur mit seinen Jungs bei ein Paar Bierchen im Fussballstadion gewesen zu sein, an genau dem Tag, als über die Anzeigentafel sein grauenhafter Hochzeitsantrag eingeblendet wurde. Wie bekommt man einen Mann dazu, solche Dinge zu tun? Manipulierende Nötigung? Vergoldete Genitalien? Kochkünste besser als Tim Mälzer? Reiche Eltern?
Was tun und was haben Frauen an sich, dass ein Mann sich um 180 Grad dreht? Und wer will diesen Mann danach noch ernsthaft sexy finden? Nach dem schönsten Tag des Lebens. Zweifelsohne ist die Scheidungsrate hoch.
Besonders, so scheint mir, sind davon eben Beschriebene getroffen. Die, die Tausende von Euros an Krediten für „den schönsten Tag im Leben“ aufgenommen haben.

Während der frisch gebackene Gatte Monate nach der Heirat von einer posttraumatischen Belastungsstörung gekennzeichnet ist, fällt die Prinzessin in ein so tiefes und leeres Loch, hat sie doch die ersten drei Dekaden ihres Lebens überwiegend darauf hingearbeitet. Und was kommt dann? Erstmal nichts. Um diese Nische zu stopfen braucht es einen neuen Traum.  Ein Baby und ein Haus. Da es bei den Planern in der Natur des Seins liegt, muss es korrekterweise heißen: Ein Haus und dann ein Baby.
Schließlich muß dem perfekten Schein zuliebe alles in korrekter Reihenfolge ablaufen.
Wenn das Haus gebaut ist, die Schulden hoch sind, und das erste Baby in das Glück der Welt geboren wurde, was folgt dann?
Von rosarot in dunkles Schwarz.
Vielleicht stellt sich dann die Frage, was der schönste Tag im Leben eines Mannes ist…

Und sie fragt sich, warum sie ihr halbes Leben dem schönsten Tag ihres Lebens entgegen fieberte, wo es doch nun erstmal nichts Planbares gibt, außer dass der Gärtner noch bestellt und das Essen gekocht und das Haus geputzt werden muß.
Der zufriedene, dynamische, unabhängige und lächelnde Gärtner, denkt sie während er sich auf seine kinderlose, stets gut gelaunte ausgeglichene Sekretärin im Büro freut.

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